Und wieviel Heilsegoismus steckt in dir?

Ich liebe die Eucharistie. Sie trägt mich und mein Leben. Und ich bin sehr dankbar, dass ich seit meiner Erstkommunion diese sakramentale Verbindung mit dem eucharistischen Herrn schätzen und durchgängig leben darf. Die Eucharistie gibt mir Halt, ist das Fundament in meinem Leben und ordnet meine begrenzten Erdentage hin auf mein himmlisches Ziel.

Stellvertretung

Mit zunehmenden Alter habe ich entdeckt, dass ich nicht nur für mich und mein Seelenheil in die Messe gehe, sondern für das Heil der Welt. Diese Idee der Stellvertretung hat mich fasziniert: Ich beschwere mich nicht mehr über andere und verurteile sie im Herzen, weil sie nicht in die Messe gehen, sondern sehe das als meine Aufgabe, für diese Menschen stellvertretend vor Gott zu treten.

Ich für sie – weil Er für uns.

Das ist die eucharistische Logik der Hingabe: Ich gebe mein Beten und Leben für andere hin, weil Jesus sich für uns am Kreuz hingegeben hat, damit wir das (ewige) Leben haben und es in Fülle haben.

Himmlische Communio

Außerdem fasziniert es mich, dass wir nicht nur eine irdische Gemeinschaft haben, sondern zugleich in den Thronsaal Gottes eintreten, mit den Engel, die ihr Heilig singen, und mit allen Heiligen. Ja, es ist schön, eine bekannte Gemeinschaft zur Feier der Eucharistie zu haben – abgesehen von der Gefahr, dass dann diese Gemeinschaft sich selbst feiert – aber auch das Umgekehrte stimmt: Eucharistie zu feiern stiftet eine schöne Gemeinschaft mit bislang unbekannten Menschen. Eucharistie holt immer auch andere, letztlich: die Welt, in die Eucharistie hinein und verwandelt sie in Gemeinschaft, communio.

Tödlicher Sonntag?

Das Bekenntnis von frühchristlichen Märtyern „Ohne Sonntag können wir nicht leben“ spricht mir aus dem Herzen und doch sind wir jetzt in einer Situation, in der wir fast (!) sagen müssten: „Mit dem Sonntag könnt ihr nicht leben“, also mit der Gewissenslast, dass jemand sein Leben verliert, nur weil ich in die Kirche gehen wollte. Seien wir ehrlich: Die Einnahme der „Arznei der Unsterblichkeit“ birgt momentan die gefährliche Nebenwirkung in sich, dass wir einander den Tod bringen können. Da haben die einen Todesangst, die anderen betreiben einen Heilsegoismus. Beides entspricht nicht einer eucharistischen Herzenshaltung.

Todesangst

Vielleicht wirst du sagen: Wann, wenn nicht jetzt, brauchen wir die Eucharistie? Als Heilmittel gegen unsere Ängstlichkeit, als Nahrung für das ewige Leben? Als Überwindung unserer Todesangst, denn wenn wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken, haben wir das ewige Leben: Was kann uns da noch unter dem Blickwinkel der Ewigkeit passieren?

Heilsegoismus

Ja, Eucharistie soll uns das Leben bringen – nicht den Tod! Und da mir scheint, dass jene die gegen die Bischöfe aufstehen, um „ihre“ Eucharistie zu bekommen, für ihren Heilsegoismus bereit sind, über die Leichen anderer zu gehen, nur eine Frage:

Wenn du die Möglichkeit hast, das Leben eines ungeborenen Menschen zu retten, wenn du nicht in die Messe gehst, würdest du dann auf diese Messe verzichten?

Wenn wir an das Wort Jesu denken: „Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten?“ – scheint mir die Antwort klar: Wir müssen Lebensretter und Lebensschützer für alle Menschen sein, ob ungeboren oder alt. Leben zu retten steht über dem Sabbatgebot. Das Evangelium fordert somit unseren Verzicht auf die eucharistische Gemeinschaft mit dem sakramentalen Leib Christi.

Wir heiligen den Tag des Herrn durch unser Opfer, nicht an der Eucharistie physisch teilzunehmen. Das erfordert Verzicht darauf, dass ICH meinen Gott für mich und mein Heil haben möchte – und fordert unter dieser besonderen Situation, mich zurückzunehmen, damit andere leben können. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott – vollbepackt mit den Gnaden der Eucharistie, ist, wie diese Frage von Martin Luther zeigt, im Grunde ein protestantischer Zugang zur Eucharistie, der auf das Ich und das individuelle Heil reduziert ist. Sakramente haben immer eine gemeinschaftliche Dimension und zielen auf die Heiligung des ganzen Volkes Gottes, auf uns und nicht nur auf mich.

Wir statt ich

Das katholische Eucharistieverständnis zeigt uns, was „wir“ (oder auch Leiblichkeit) wirklich bedeutet: das Für-dich-da-Sein, das Füreinander-Einstehen, aber auch, dass für uns eingestanden wird. Die Priester feiern weiterhin die Eucharistie – nicht alleine, sondern mit der himmlischen Communio und nehmen die gesamte Welt mit hinein in das Opfer.

Mein Opfer, aus Liebe zum Nächsten nicht in die Messe zu gehen, vereinigt sich mit dem Opfer Christi in der Eucharistie.

Die Priester feiern stellvertretend für mich, für dich, für uns (das ist vielleicht ungewohnt, dass wir nicht selbst in die Stellvertretung gehen, sondern auch jemand anderer einmal für uns in die Presche springt – dass wir die Beschenkten sind, nicht die Jünger, die nachfolgen). Die Eucharistie nimmt die ganze Welt hinein, wir feiern die Eucharistie – wie gerne bin ich dabei, wenn es mir mitzufeiern geschenkt ist.

Eucharistisches Geschenk

Ich kann es eben nicht machen, dass Eucharistie gefeiert wird – es ist und bleibt ein Geschenk, was momentan mehr als deutlich wird. Und die Versuchung, dieses Geschenk an sich zu reißen – auch durch öffentlichen Druck auf Bischöfe durch das Unterstützen von Petitionen – widerspricht dem sakramentalen Geschenkcharakter der Eucharistie. Genauso widerspricht es einem Sakrament, wenn ich mich selbst beschenken möchte.

Und in die andere Richtung gesagt: Die Hauskirche zu entdecken, ist etwas Gutes – das aber in Konkurrenz zum Sakrament zu sehen, ist so klug, wie am eigenen Geburtstag sich selbst zu beschenken. Es ist letztlich eine in sich (oder einen Gruppenegoismus) geschlossene Tragik.

Meine Anwesenheit tut nichts zur Sache – so viel Demut muss sein

Ob ich jetzt physisch beim Messopfer dabei bin oder nicht, ändert nichts am sakramentalen Wirken, an der eucharistischen Präsenz des Herrn, die eine objektive ist und somit nicht von mir und meiner Anwesenheit abhängt. Und wenn ich aus Liebe zum Nächsten darauf verzichte, physisch anwesend zu sein, aber mich medial mit diesem Geschehen verbinde, dann ist es zwar nicht das Gleiche – wie es auch nicht das Gleiche ist, ob ich mit meiner Frau skype oder mit ihr im gleichen Raum spreche . Der Unterschied ist aber ein subjektiver für mich – denn gleich, wo sich meine Frau befindet, ist sie selbst ja immer objektiv, real und leiblich anwesend. Meine Anwesenheit kann zur Anwesenheit Christi nichts hinzufügen – ich persönlich profitiere davon, wenn ich zum Altar Gottes hinzutreten darf, und versehe meinen Dienst als Mitfeiernder.

In der Eucharistie kommt Gott zur Welt, gleich ob ich daneben stehe oder zu Hause sitze. Solange das passiert – und ich habe die begründete Hoffnung, dass die Priester momentan noch stärker und inniger stellvertretend für uns feiern – habe ich keine Sorge um das Heil der Welt – dank des katholischen Sakramentsverständnis von „ex opere operato“: das Heil hängt nicht von mir und meiner subjektiven Anstrengung ab, sondern Gott handelt zuverlässig und treu.

In Erwartung

Wir befinden uns also „in anticipation“, in Erwartung, dass wir wieder zum eucharistischen Herrn kommen dürfen. In Erwartung, dass Jesus sich um uns kümmert, wie Papst Franziskus eindrucksvoll sagte. Und ganz adventlich: In Erwartung seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten.

# Daher feiere ich am Livestream mit, weil ich mich da zumindest medial mit der Eucharistie verbinden kann.

# Ich unterschreibe keine Petitionen an Bischöfe.

# Ich schreibe keine Artikel, weil die Kirche nicht so systemrelevant zu sein scheint wie ein Bäcker. (Denn seit wann ist es die Aufgabe, irgendein weltliches System zu unterstützen – wo bleibt hier die Entweltlichung? Wie steht es mit der ganz anderen Logik des Reiches Gottes, in der jedes System der Umkehr auf dem Weg zum Reich Gottes bedarf?

# Ich schüre nicht innerkirchliche Richtungskämpfe durch Begriffe wie Retrokatholizismus – statt die Einheit zu fördern (untereinander und mit den Bischöfen) und uns zu ermahnen, weder in Todesangst noch in Heilsegoismus zu verfallen.

# Ich gönne es den Priestern, dass sie die Eucharistie feiern können (und ich nicht) – und fürchte mich nicht vor Privatmessen, vor denen sich nur jene fürchten können, die nicht an die Präsenz der himmlischen Communio glauben.

# Ich bewundere Priester, die in der jetzigen Zeit Kreativität zeigen, um priesterlich zu wirken – denn diese Kreativität ist auch ein Ausdruck Ihrer Liebe und Hingabe an uns.

# Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich wieder leiblich anwesend die Eucharistie mitfeiern kann, wie sich ein junger Ehemann darauf freut, seine Frau nach einer Dienstreise wieder in die Arme schließen zu können.

Ja, ich liebe die reale und leibhaftige Gegenwart Christi in der Eucharistie – und da schwingt sicher auch ein gewisser Heilsegoismus in mir mit, wenn ich mein Gewissen ehrlich erforsche.

Aber ich liebe es auch, dass der Herr in dieser Zeit weiterhin am Wirken ist, und er nicht aufhört, unser Kreuz in die Freude seiner Auferstehung zu verwandeln – das Geheimnis unseres Glaubens, das wir in jeder Messe bekennen dürfen.