Warum die Katholikenzahl nach menschlichem Ermessen noch schneller unter 50% in Österreich sinken wird und warum das nicht so sein müsste

In wenigen Jahren verliert die Kirche in Österreich ihre Bedeutung, die sie in Wirklichkeit heute schon verloren hat. Jedes Jahr wird die Kirche von Wien von knapp einem Prozent ihrer Mitglieder verlassen: 2000 50%, 2001 49%, 2016 35%. Verlieren die Katholiken in absoluten Zahlen alle fünfzehn Jahre 17% ihrer Mitglieder (2001: 764.101; 2016: 634.181, diese 130.000 Unterschied sind 17% der 2001 gezählten Katholiken), wäre die Katholikenzahl nach meiner Rechnung bei 440.000 Personen im Jahr 2046.

Dieser allzu pessimistischen Sicht widerspricht der Forschungsbericht „Religious Denominations in Austria: Baseline study for 2016 – Scenarios until 2046”(Link). Wenn ich das richtig sehe, werden mit Hilfe christlicher Zuwanderer Zahlen für den Rückgang an Katholiken und Evangelischen prognostiziert, die beiden schmeicheln dürften – für Wien rechnen die Wissenschaftlerinnen mit 480.000 bis 522.000 Katholiken. Ein gutes Fünftel. In dreißig Jahren könnten die Katholiken von den Muslimen in Wien überholt sein: 360.000 bis 730.000 Muslime gibt es in der 2 Mio.-Stadt. Diese Prognosen werden bewusst durch Schlagzeilen wie „Knapp Dreiviertel sind Christen“ oder „Anteil der Muslime bei 8 Prozent in Österreich“ ausgeblendet. Die Schlagzeile könnte auch lauten: „Katholiken bald nur mehr ein Viertel in Wien“ oder „Muslime bald größte Religionsgemeinschaft in Wien“. Könnte. Stattdessen lese ich: „Mehr Muslime, aber keine Islamisierung“. Vielleicht braucht die Islamisierung länger als befürchtet. Aber sie kommt – weil das Christentum (bis auf die Orthodoxen) schwächelt.

Dass Muslimsein oder Christsein unterschiedlich gelebt wird und auch Menschen ohne religiöses Bekenntnis eine Nähe zu ihrem früheren Glauben haben, wird in der Studie nicht berücksichtigt, wie Paul Zulehner zutreffend kritisiert. Aber wie sollte diese Nähe exakt gemessen werden?

Diejenigen aber, die die Struktur erhalten wollen (in den Mainstream-Medien als „Progressive“ benannt), meldeten sich gleich mit entsprechenden einlullenden Kommentaren, die den Verlust von Mitchristen als „biblischen Normalfall“ bagatellisierten und überhaupt ein nullbasiertes Denken vorschlugen: Was besser als 0 Prozent ist, ist ein Grund, „sich an den überschaubaren Erfolgen [zu] freuen“. Alles kann bleiben, wie es ist, denn wir haben alles im Griff, auf dem sinkenden Schiff:

Diese „0-Prozent“-Einstellung ist kein biblischer Normalfall, sondern Anti-Evangelium. (Genauso auch wie das ähnlich destruktive Bejammern der Zahlen). Das Evangelium freut sich nicht über 20% Katholiken, sondern möchte 100% Jünger Jesu. Keine nostalgische Erinnerung an frühere (und nicht mehr wiederkommende) Zeiten, sondern eschatologische Verheißung und letzter Auftrag Christi vor seiner Himmelfahrt: „Macht ALLE Menschen zu meinen Jüngern!“ Und nicht nur „viele“…
Die Aufgabe eines guten Pastors (oder Pastoraltheologen) wäre es, Wege zu zeigen, wie wir unsere Sendung (lat. missio) hinaus in die Welt leben können, um das Evangelium ALLEN zu verkünden: eine neue Evangelisierung für alle hundert Schafe, gerade wenn es mehr als ein verlorenes gibt. Neu im Eifer. Neu in der Methode. Neu in den Ausdrücken. Dazu braucht es mutige Hirten, mutige Theologen, mutige Katholiken. Fehlen diese, werden wir nach menschlichem Ermessen noch viel schneller weniger als 50% ausmachen.

Es geht aber nicht um Mitgliederzahlen oder Kirchenbeitragszahler. Das ist der große Irrtum der deutschsprachigen Kirche, sondern um die Frage, wie Menschen heutzutage zu einer Entscheidung für Jesus Christus herausgefordert und begleitet werden können. Es geht um eine echte Jüngerschaft, die diese Zahlen nicht als unveränderbares Gesetz hinnimmt, sondern um Jünger voller Sehnsucht, dass jeder in Österreich Christus kennen und lieben lernt. Diese neu entfachte Liebe wird einen Unterschied in den Zahlen machen und den berühmten X-Faktor in die Prognosen hineinbringen: den Christus-Faktor.

Die Kirche wird nicht untergehen. Ob sie in Österreich wie im einstmals christlichen Nordafrika untergehen wird, ist noch offen. Dazu braucht es entschiedene Jüngerschaft und eine missionarische Bewegung. Dringend. Denn die Liebe Christi drängt uns.

Vaterwunde

„Good good father“ war das Motto der diesjährigen Herbsttage der Loretto-Gemeinschaft. Zu Gast war auch Kardinal Schönborn. Wie ist es, einen guten Vater zu haben – wie ist es, einen solchen nicht zu haben? Unser Kardinal lässt sehr tief und persönlich in seine eigene Seele blicken. Seine Antwort berührt, weil sie zeigt, wie wichtig die Beziehung zu seinem eigenen Vater ist. Und wie sehr sie das ganze Leben prägt. Absolute Empfehlung, sich diese Antwort anzuhören: