Habe Mut, dich deines eigenen Gewissens zu bedienen!

Mittlerweile finde ich Gefallen an der Bundespräsidentenwahl in Österreich. Wirklich. Ohne Ironie gesagt. Ich merke, wie viel ich selbst in diesen Monaten politisch lerne. Ich kann mich von meinem eigenen politischen Vorstellungen besser distanzieren, denn sie sind keine unverrückbaren Wahrheiten mehr – ich muss mich nicht mehr aufregen, wenn meine politischen Prioritäten kritisiert werden, denn sie sind vage Ahnungen und ungewisse Abwägungen, was für unser Land besser sein könnte. Woher ich das weiß? Ich vertraue hier auf mein Gewissen. Ich sammle Wissen und wäge es vernünftig ab. Ich unterscheide und entscheide nach bestem Wissen und Gewissen.

Eines meiner Lieblingszitat aus dem Zweiten Vatikanum zeigt mir, dass ich nicht alleine bin, wenn ich mich auf das gebildete Gewissen berufe, das ich zu unterschiedlichen politischen Einschätzungen gelangen kann und ich andere deshalb nicht sprachlich oder christlich abwerten muss:

Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge ihnen eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht, wie es häufiger, und zwar legitim, der Fall ist, bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen.

Wenn dann die beiderseitigen Lösungen, auch gegen den Willen der Parteien, von vielen andern sehr leicht als eindeutige Folgerung aus der Botschaft des Evangeliums betrachtet werden, so müsste doch klar bleiben, dass in solchen Fällen niemand das Recht hat, die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen.

Immer aber sollen sie in einem offenen Dialog sich gegenseitig zur Klärung der Frage zu helfen suchen; dabei sollen sie die gegenseitige Liebe bewahren und vor allem auf das Gemeinwohl bedacht sein. (GS 43)

Wenn ich das Konzil ernst nehme, dann kann ich das Christentum nicht für den einen oder für den anderen Kandidaten in Beschlag nehmen, so als ob es nur schwarz oder weiß gäbe. Argumente wie „Ein Christ kann nicht Hofer wegen seiner Ausländerpolitik wählen“ oder „Ein Christ kann nicht Van der Bellen wegen seiner Abtreibungspolitik wählen“ machen diesen Denkfehler. Sie unterstellen, dass das Gewissen, das dem Evangelium verbunden ist, sich auf eine einfache Fragestellung reduzieren ließe. Hofer sei deutschnational, quasi ein Nazi, Van der Bellen sei Freimaurer und ein Kommunist; Kornblume da, faules Ei auf Schwangere dort – damit sei alles gesagt. Das sind demagogische Fehlurteile, da sie zu simpel sind. Diese Reduzierung der Wirklichkeit tarnt sich dann auch noch besonders als aufgeklärte Weltsicht und erklärt in Video-Serien Rhetorik-Tricks der Kandidaten. Ganz ehrlich: Wollen wir lieber Politiker, die rhetorisch eine Null sind? Stören uns die Rhetorik-Ausbildungen in der von uns selbst präferierten Partei auch?

Der zweite Irrtum, dem ich begegne, sind die Politik-Ketzer. Ketzer leitet sich von „Katharer“ ab, das sind wörtlich: die „Reinen“. Die, die sich politisch die Hände nicht schmutzig machen wollen und daher mit (scheinbarer) weißer Weste weiß wählen. Christlich gesagt: Die sich offensichtlich schwer tun, die sündhafte Welt mit ihren Sündern zu bejahen. Gott liebt das kleinste Übel? So ein Unsinn. Gott liebt uns trotz unserer Schuld und vor aller Leistung, er hat uns gut gemacht – jeden Menschen, daran kann auch die Erbschuld nichts ändern. Gott liebt uns. Können wir das gleichzeitig über beide Kandidaten sagen und denken – ohne in Zynismus zu verfallen: Das bräuchte der oder jener besonders dringend… Wenn sich Politiker erst dann engagieren könnten, wenn sie schon perfekt sind, gäbe es gar keine. Die schönste Frage im US-Wahlkampf an die beiden Kandidaten war für mich: Was schätzen Sie an Ihrem politischen Konkurrenten? Das führt weg vom Üblen hin zum Guten, das in jedem Menschen steckt und durch die eigenen Übel und Sünden hindurch wieder gewonnen werden muss.

Ein kleines Gedankenexperiment: Angenommen, Sie selbst kandidieren: Sind Sie dann nicht selbst nur „das kleinere Übel“? Sie kennen ja zu gut Ihre schwachen Seiten. Selbst wenn Sie verheiratet sind, würden Sie doch zu ihrer (vermutlich) nicht perfekten Frau sagen: „Ich habe dich gewählt (und geheiratet), weil du das kleinere Übel von allen Frauen warst.“ Dadurch wird es ja trotzdem Bereiche geben, von denen Sie sich distanzieren. Sei es in ihrer eigenen Persönlichkeit, bei Ihrem Partner, bei Ihrer Familie, bei Politikern. Niemand ist ein Übel, auch Hofer und Van der Bellen nicht. Ja, Hofer und Van der Bellen sind beide Sünder. Aber das ist der Papst auch. Ich auch. Und Sie vermutlich auch. Die beiden Kandidaten möge üble Positionen vertreten, sich übel verhalten, aber ein Mensch ist kein Übel. Nie. Das ist entwürdigend, so zu reden. Menschen sind auch keine Krankheiten wie „Pest oder Cholera“ – wobei Cholera medizinisch vorzuziehen wäre, da gut heilbar. Also ist die Wahl bei Pest und Cholera klar zu treffen.

Die Wirklichkeit ist komplexer. Daher ist die Versuchung groß, sich selbst auf Autoritäten zu beziehen oder sich selbst für eine Autorität zu halten, um eine vereinfachte Weltsicht zu verbreiten. Und das heißt im christlichen Kontext immer: dem anderen abzusprechen, ernsthaft dem Evangelium folgen zu wollen, auch wenn diese Nachfolge bewusst oder unbewusst geschieht. Daher geht es nicht an, dass Pfarrer und Aushilfsseelsorger, Bischöfe und Weihbischöfe, Universitätsprofessoren und -lektoren, Leiter von Gemeinschaft oder Bewegungen, Vorsitzende von kirchlichen Vereinen oder Dienststellen, auf das Autoritätsargument zurückgreifen und vorgeben, was das Gewissen zu wählen habe. Schon allein aus Respekt vor den anderen 50%, die anwesend sind.

Im US-Wahlkampf verstiegen sich mit dem Autoritätsargument berühmte Schauspieler zu dem verlinkten Video. Die beste Antwort auf diesen plumpen Versuch eines säkularen Autoritätsarguments ist das folgende Video, das die Problematik von Wahlempfehlungen auf den Punkt bringt: Die Leute werden für blöd verkauft, aber sie durchschauen das – die Abneigung gegenüber dem Establishment, dem System steigt:

(Bewusst bringe ich das Video erst nach der US-Wahl, weil ich, siehe den roten Faden dieses Beitrags, kein Autoritätsargument vorbringen möchte. Meine Aussage würde auch funktionieren, wenn Clint Eastwood & Co. ein Video für Trump gemacht hätten, und darauf geantwortet worden wäre.)

Die US-Wahl brachte für mich jene Journalistin auf den Punkt, die sagte:

„Die Wähler nehmen Trump ernst, aber nicht wörtlich. Die Journalisten nehmen Trump wörtlich, aber nicht ernst.“

Es gibt in unserer westlichen Gesellschaften eine Defragmentierung, der innere Zusammenhalt fehlt zunehmend, weil niemand mehr den anderen verstehen möchte. Also wirklich. Blöd,ungebildet, rassistisch, ängstlich, politisch extrem, dialogfeindlich oder ideologisch verblendet sind immer die anderen – dabei, ganz ehrlich, könnte ich das nicht genauso sein? Ein klein bisschen vielleicht auch?…

Genau das scheint das Problem zu sein: Die einen verstehen die anderen nicht mehr, weil sie sich nicht aus ihrer Komfortzone trauen und weil sie die Sprache und Begriffe (samt der dahinter liegenden Konzepte) der anderen nicht mehr verstehen wollen. Es zählt nur das Gefühl – postfaktisch, da von der Fülle der Fakten erschlagen und ohne innere Orientierung. Dazu kommt die paranoide Verdächtigung, dass die andere Seite ihre Macht missbraucht und Menschen manipuliert. Da diskutieren Van-der-Bellen-Anhänger, ob die Maßnahme gegen einen Priester, der sich für Van-der-Bellen ausgesprochen hat, nicht zeigt, wie rechts die Kirche ist, – gleichzeitig die Hofer-Anhänger, ob die Maßnahme gegen einen anderen Priester, der sich für Hofer ausgesprochen hat, nicht zeigt, wie links die Kirche ist. Beide fürchten sich vor den anderen, schieben sie in Schubladen, urteilen über die anderen und ihre Motive, ohne sie zu kennen – und das, obwohl klar ist, dass Christus König ist. Seine Herrschaft wird sich in dieser Welt durchsetzen – und sie wird nicht parteipolitisch zuzuordnen sein, sondern über Parteipolitik stehen. Weil Christus jeden Sünder erwählt, der sich ihm zuwendet, der sich – politisch unkorrekt – bekehrt, und in den ewigen Austausch der Liebe der Dreifaltigkeit eintritt. Ohne Bekehrung – und damit ist zuallererst die eigene gemeint – kein Himmel.

Gerade jene, die so gerne von Dialog reden, entfreunden zuerst auf Facebook alle die, die politisch anders denken, um dann in der eigenen Blase Werbung für den dort unumstrittenen Kandidaten zu machen. Das ist tragisch, eine Form von kollektivem Selbstgespräch und leider kein Einzelfall.

Sehr überzeugend hat das Projekt „Valerie und der Priester“ diesen Aspekt des Einübens in das Verstehen betont:

Wir beide zeigen aber auch nur stellvertretend, dass es viele Menschen auf dieser Welt gibt, über die wir nichts wissen und uns trotzdem oft ein Urteil bilden. Vielleicht, weil wir einfach selten ins Gespräch miteinander kommen. Vermutlich würde die Kommunikation oft funktionieren, aber man hört zu wenig hin. Nicht aus Bosheit, sondern weil es anstrengend ist oder einfach aus Zeitgründen. Deswegen hat das Projekt für mich auch eine politische Dimension. Es hat mir gezeigt, wie wichtig zuhören ist, in allen Lebensbereichen. […] Was passiert, wenn wir das nicht tun, hat mir die US-Wahl gezeigt. Nach viel Schock und Fassungslosigkeit war vielleicht mein fünfter Gedanke: Zum Glück machen wir „Valerie und der Priester“. Sich zuhören, auch wenn es schwer ist, verstehen versuchen, ohne Vorurteile — das ist so verdammt wichtig.

Wen von beiden ich am 4. Dezember wählen werde? Nach dem Gesagten kann ich nur sagen: wer bin ich, eine Wahlempfehlung abzugeben? Das werde ich hier sicher nicht schreiben, sondern ich ermutige dazu, tiefer in das Wesen von Politik einzudringen: Politiker als fehlbare Menschen, die eigene politische Ansichte als momentane (Fehl-)Einschätzung relativieren und im Gebet vor Gott sein Gewissen schärfen und dem Gewissen und nicht Autoritäten folgen. Und jeder, der sagt, es sei eindeutig, dass nur der oder der zu wählen ist, der übersieht, dass es so viele Aspekte gibt, die es alle abzuwägen gilt. Der muss sich den Vorwurf zu machen, ideologisch statt politisch zu sein.

Ich werde nach bestem Wissen und Gewissen abstimmen – aber nicht, weil irgendeine Autorität oder Facebook-Blase mich zu dieser oder jener Entscheidung drängt. Als politisch aufgeklärter Mensch kann ich in Anlehnung an Immanuel Kant nur sagen:

Habe den Mut, dich deines eigenen Gewissens zu bedienen!

 

Bilder einer trauernden Familie

In dieser Woche ein Link zu berührenden Bildern einer Familie, die eine Fehlgeburt ihres Kindes durchleiden – auch mit Bildern ihres toten Babys. Bilder, die die Drehbuchautoren von 24 Wochen sehen hätten müssen. Angesichts solcher Bilder erübrigen sich auch Diskussionen über Abtreibung in Polen oder innenpolitische Auseinandersetzungen über längst fällige Eintragungen im Personenstandsregister.

https://www.facebook.com/forevercharmedphotography/photos/?tab=album&album_id=972547109540990

24 Wochen

[ich verrate hier wesentliche Szenen] Ein Film, der das Tabu “Spätabtreibung“ an einem herzkranken Kind mit Down Syndrom thematisiert. Der sich um Realitätsnähe bemüht, deshalb Laiendarsteller einbindet, die wirklich in diesen Berufen arbeiten. Der aber ein anderes Tabu aufrichtet: Es darf kein moralisches Urteil gefällt werden. “ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war, vermutlich beides“, sagt die Hauptdarstellerin Astrid Lorenz am Ende, zerrissen zwischen ihrem Bekenntnis “ich habe im sechsten Monat abgetrieben“ und dem dahin gehauchten “ich vermisse dich“ an ihren getöteten Sohn.

Ganz ehrlich, mich hat dieser Film fadisiert. Weil die Hauptdarsteller keine Akteure, sondern von ihrer Orientierungslosigkeit getrieben sind. Der Mann, der entwurzelt aus der kindlichen Religiosität, nur mehr eine dunkle Ahnung hat, dass eine unmenschliche Grenze überschritten wird. Der nicht weiß, wie er seiner Familie mit Orientierung dienen kann. Eine Frau, die darunter leidet, dass er ihr nie einen Antrag gemacht hat. Die alleine eine tödliche Entscheidung trifft. Zwar nicht leichtfertig, aber mit einer Ahnungslosigkeit über die Tiefe des Leids und die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen. Was ist dem Menschen zuzumuten – heißt anders gesagt: Wir können einander etwas zutrauen. 

Was ich in dem Film vermisst habe, ist diese Ahnung, welche Stärke für Menschen möglich ist. Keine Stärke, der Tränen fremd sind. Eine Stärke getragen von Hoffnung, gerade in dunklen Zeiten.Ich spreche dabei aus eigener Erfahrung. Als die Hebamme sagt: “Sie sind eine starke Frau“, hätte ich fast laut aufgelacht und protestiert. Ich habe starke Frauen in solchen Situation gesehen. Die Protagonistin ist es nicht. Weinerlich. Sich an ein vom Zeitgeist diktiertes Konzept vom leidfreien Leben klammernd – für das sie viel im Film leiden muss. Und danach noch mehr. Dabei wäre es naheliegend: ein gutes Leben ist ein Leben, in dem ich das Gute wähle, und nicht dem Gutfühlen erfolglos hinterher laufe.