24 Wochen

[ich verrate hier wesentliche Szenen] Ein Film, der das Tabu “Spätabtreibung“ an einem herzkranken Kind mit Down Syndrom thematisiert. Der sich um Realitätsnähe bemüht, deshalb Laiendarsteller einbindet, die wirklich in diesen Berufen arbeiten. Der aber ein anderes Tabu aufrichtet: Es darf kein moralisches Urteil gefällt werden. “ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war, vermutlich beides“, sagt die Hauptdarstellerin Astrid Lorenz am Ende, zerrissen zwischen ihrem Bekenntnis “ich habe im sechsten Monat abgetrieben“ und dem dahin gehauchten “ich vermisse dich“ an ihren getöteten Sohn.

Ganz ehrlich, mich hat dieser Film fadisiert. Weil die Hauptdarsteller keine Akteure, sondern von ihrer Orientierungslosigkeit getrieben sind. Der Mann, der entwurzelt aus der kindlichen Religiosität, nur mehr eine dunkle Ahnung hat, dass eine unmenschliche Grenze überschritten wird. Der nicht weiß, wie er seiner Familie mit Orientierung dienen kann. Eine Frau, die darunter leidet, dass er ihr nie einen Antrag gemacht hat. Die alleine eine tödliche Entscheidung trifft. Zwar nicht leichtfertig, aber mit einer Ahnungslosigkeit über die Tiefe des Leids und die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen. Was ist dem Menschen zuzumuten – heißt anders gesagt: Wir können einander etwas zutrauen. 

Was ich in dem Film vermisst habe, ist diese Ahnung, welche Stärke für Menschen möglich ist. Keine Stärke, der Tränen fremd sind. Eine Stärke getragen von Hoffnung, gerade in dunklen Zeiten.Ich spreche dabei aus eigener Erfahrung. Als die Hebamme sagt: “Sie sind eine starke Frau“, hätte ich fast laut aufgelacht und protestiert. Ich habe starke Frauen in solchen Situation gesehen. Die Protagonistin ist es nicht. Weinerlich. Sich an ein vom Zeitgeist diktiertes Konzept vom leidfreien Leben klammernd – für das sie viel im Film leiden muss. Und danach noch mehr. Dabei wäre es naheliegend: ein gutes Leben ist ein Leben, in dem ich das Gute wähle, und nicht dem Gutfühlen erfolglos hinterher laufe.

2 Gedanken zu „24 Wochen“

  1. Ich habe den Film vor 5 Wochen durch „Zufall“ in einer Sondervorführung gesehen und er geht mir noch immer unter die Haut. Manchem, was du hier schreibst, kann ich zustimmen. Dass wir über uns hinaus wachsen können, dass wir einander etwas zutrauen können. Wie wahr ist das! Aber nicht jeder kann in jeder Situation über sich hinaus wachsen, Menschen scheitern daran, und auch wir scheitern daran.
    Es fadisiert mich nicht, wenn ich Menschen (im Film und erst Recht im realen Leben) mit all ihren Schwächen und Stärken, ihren Hoffnungen und ihren Verirrungen ringen sehe. Und es fadisiert mich nicht zu sehen, wenn sie scheitern, sondern es macht mich traurig und erzeugt in mir das Bedürfnis, ihnen eine helfende Hand hinzustrecken. Ihnen zu sagen, dass sie wieder aufstehen können und dass in allem Scheitern einer ist, der sie hält.
    Ich habe nicht gewusst, wie der Film ausgeht und bis zum Schluss gehofft, dass Astrid doch noch aufspringt und „Nein“ sagt. Dass dem nicht so war, hat mich schockiert, entsetzt und hilflos zurück gelassen. Das Leben ist leider nicht mein persönliches Wunschkonzert und die Frage ist, wie wir als Christen, wie wir als Kirche damit umgehen. Vieles in diesem Film entspricht der Realität. Menschen scheitern an und mit ihren Schwächen. Menschen sind orientierungslos. Und handeln entsprechend. Meiner Meinung nach ist es an uns Christen, genau da unsere Hand hinzuhalten, nicht verurteilend und nicht vom Hohen Ross herunter, sondern wohl wissend, dass wir nicht wissen, wie wir selbst in jeder einzelnen Situation unseres Lebens reagieren werden – heroisch oder zu Boden geworfen, unseren Werten entsprechend oder ganz anders. Wir können es nur hoffen, das wir so reagieren, wie wir es uns jetzt wünschen. Selbst, wenn wir schon unzählige Situationen stark und heroisch bewältigt haben, bleibt diese Frage immer offen. Und die Stärke kommt ja nicht aus uns selbst heraus, auch uns ist sie immer nur geschenkt.
    Menschen als weinerliche „Weicheier“ zu verurteilen, weil sie sich selbst und einander nicht genug zutrauen, weil sie nicht wissen, wo ihnen Orientierung herkommt und wie sie sie geben können, scheint mir nicht die angemessene Haltung für uns als Christen zu sein. Es ist mir zu sehr vom Hohen Ross herunter. Und der Herr ist auf einem Esel geritten und hat sich auf den Boden gekniet, um seinen Jüngern die Füße zu waschen.

    1. Liebe Maja, wir hatten eine ganz andere Perspektive auf die Filmvorführung. Mir wurde vorher schon der Inhalt erzählt. Die Spannung, ob sie sich nicht doch noch für das Gute entscheiden, war für mich weg – und ohne diesem Element war der Film offensichtlich ein anderer. Für mich wirkte er wie eine sinnlose Trägodie, in der jedes gute und sinnvolle Wort zu schwach ist, um den Lauf der Erzählung aufzuhalten. Daher möchte ich festhalten, dass mich der Film fadisiert hat – über Menschen im realen Leben habe ich in diesem Beitrag kein Urteil getroffen – das hast du hineininterpretiert. Und erst recht nicht habe ich jemanden als „Weicheier“ tituliert – das finde ich nicht ganz fair, diese zwei Dinge zu unterstellen. Dieses Drehbuch zeichnet Astrid als weinerlich (zB in der Situation mit der Hebamme vor der Spätabtreibung), macht sie kleiner, als sie sein könnte. Mich hat dieser klein machende Blick des Drehbuchs genervt.
      Was mich aber von Anfang an gestört hat, war dieses tendenziöse Drehbuch, dieses mit Emotionen getarnte Plädoyer gegen jedwede Ethik, das lieber Behinderte tot sieht als sie am Leben zu lassen. Das ist ein großes Unrecht nicht nur in Österreich – und der Film macht sich da mitschuldig. Neutral gegenüber dem Bösen zu sein, ist nicht Neutralität, sondern Mittäterschaft.
      Gerade eine christliche Perspektive deckt auf, dass es in dem Film nicht um demütige Nachsicht menschlichen Schwächen gegenüber geht, wie das Drehbuch suggeriert, sondern um tödliche Schuld – von fast allen Akteuren in diesem Film.
      „Ich habe starke Frauen in solchen Situation gesehen.“ habe ich geschrieben, weil das meine Erfahrung in der Beobachtung von Menschen in solchen Extremsituationen ist – meine eigene Stärke habe ich nicht genannt – denn ich weiß sehr gut um meine Schwäche. Aber eines von vielen Beispielen, was ich mit „meiner Erfahrung“ meine: das Ehepaar, das sich trennen wollte, aber durch die Krebsdiagnose der Tochter zusammengehalten hat – und nicht nur zusammen den Krebs besiegt, sondern auch neu zusammen gefunden hat.
      Daher stimme ich dir zu, dass wir Christen helfen sollen (natürlich nicht vom Hohen Ross herunter – das ist doch selbstverständlich, oder?), uns an Christus ein Beispiel nehmen sollten, der Sünde aufgedeckt hat und barmherzig mit den reuigen Sündern umgegangen ist. Der vor allem aber gezeigt hat, dass in Situationen von größtem Leid eine Stärke und Würde möglich ist, die den Hauptmann unter dem Kreuz bekehrt. Die schwierige Frage ist: Wie können wir als Christen Hoffnung und Orientierung geben, ohne stolz zu erscheinen – vor allem, wenn Schuld im Spiel ist, die als Schuld geleugnet wird? Füße waschen oder Eselreiten (mMn überhaupt nicht „demütig“, sondern das Zeichen, dass er der von Sacharja angekündigte Messias ist) ist ja nicht immer die passende Methode…

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